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Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ...

... ist mein Schneider.
Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.

(George Bernard Shaw, irischer Dramatiker, 1856-1950)

Seit mehr als 25 Jahren haben wir demokratische Verhältnisse.

Welche Gedanken führten uns damals zu den Demonstrationen, zu den Versammlungen?  Können Sie sich noch erinnern? Lebten Sie damals hier?

Viele kämpften gegen die Verunreinigung unseres Trinkwassers durch das ACZ (agrochemische Zentrum), viele wollten das Gelände der Nationalen Volksarmee in ein Gewerbegebiet umwandeln. Der Soldatenaufstand in Beelitz hätte dafür einen Grundstein gelegt.  Mit welchen Gedanken beschäftigten wir uns damals?

Was haben wir erreicht? Was machen wir heute anders oder auch nicht? Welche Gedanken treiben uns heute an?

Heute haben wir uns alle weiterentwickelt – und sind doch nicht viel von damals entfernt. Damals stellten wir endlich Fragen und stellten auch Antworten infrage. Und das war gut so! Daran sollten wir uns erinnern und vielleicht doch die eine oder andere Frage laut stellen, die uns auf der Zunge brennt.  Eine Frage bleibt: warum werden gesagte Worte oder gestellte Fragen als Störenfriede angesehen?

Ist Fragen alleine schon  „Zweifel an Kompetenz und Rütteln an Macht“? Oder sind Fragen nicht ganz normale Reaktionen und ganz normale Entwicklungen, die bei der Beschäftigung mit Themen entstehen?

Ich habe mich – wie jeder andere Mensch – weiterentwickelt. Ich habe meine Vorstellungen von Demokratie und vom Umgang miteinander – und beides versuche ich zu leben und beides ist geprägt von Respekt und Achtung vor dem  Anderen. Ich muss feststellen, dass sich durch meine Erfahrungen vieles erklären lässt – aber dennoch finde ich bei jedem Thema, mit dem ich mich beschäftige,  Fragen und Fragen.

Ich muss erleben, dass in unserer Stadtverordnetenversammlung und den Ausschüssen Fragen aber gar nicht gut ankommen. Es passiert sogar, dass fast Drohungen als Antworten auf Fragen kommen: Das vergessen wir nicht.

So will ich  Demokratie nicht praktizieren und auch nicht erleben. Die Kommunalverfassung definiert die Aufgaben von gewählten Vertretern.

Die gewählten Vertreter sind Vertreter der Bürger. Sie sind keine besseren und keine schlechteren Menschen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Die Bürger wählen diesen und jenen. Und jede gewählte Gruppe ist frei gewählt – und deshalb sollten wir jeder Gruppe mit Respekt und Achtung begegnen.  Denn jeder Lebensweg ist etwas anders verlaufen, aber alle haben ihre Geschichten und ihre Erfahrungen. Alle Menschen sind gleich (wert)  – aber manche sind viel gleicher?

Was fordere ich und was wünsche ich mir: Ein Zulassen von Fragen, eine Grundakzeptanz in der Diskussion und eine offene Entscheidung zum Wohle der Allgemeinheit. Gerne bringe ich meinen Mitdiskutanten  diese Akzeptanz und Anerkennung entgegen – und fordere sie ebenso ein.

Argumente anhören, verarbeiten und werten

Die Demokratie ist harte Arbeit, denn Kommunalpolitik ist Handwerk und nicht Mundwerk. Und zum Handwerk  gehören Kenntnisse und Regeln, die Transparenz schaffen und Vertrauen entstehen lassen;  Vertrauen auf das gesprochene Wort und Vertrauen in getätigte Umsetzungen, Vertrauen in Offenheit und Verlässlichkeit.   

Dazu gehört auch, dass wir uns alle Argumente und Gedanken anhören, sie verarbeiten, bewerten und wichten – das machbare vom möglichen trennen und das noch nicht gedachte erkennen und manchmal als gut befinden.

Es hat nie weitergeführt, wenn die Menschen einer Illusion unwidersprochen folgen. Heute, nach über 25 Jahren friedlicher Revolution in der ehemaligen DDR, stehen wir (oder zumindest die, die diese Wende erlebten und aktiv mitgestalteten)  wieder verwundert vor der Gleichgültigkeit die uns umgibt.

So geht es mir immer öfter, und ich erkenne, dass für mich mit den Jahren die Fragen nicht weniger werden. Ich bin erstaunt über Mitmenschen, die keine Fragen mehr haben.

Und die CSU ist jetzt (im Vorfeld der Bundestagswahlen?) für bundesweite Volksabstimmungen – ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Beliebigkeit in der Politik – es wird nicht gemacht was erforderlich ist, sondern nur das, was mir im Moment und etwas länger Gewinn bringt (und wenn es nur Wählerstimmen sind).

Meine Anregung für Sie und die wunderschöne Novemberzeit ist eine Weisheit von Johann Wolfgang von Goethe:

Die Natur versteht gar keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer die des Menschen.

Ich verbleibe mit sonnen-energi(E )schen Grüßen Ihre ELKE SEIDEL
7. November 2016

„Demokratie bedeutet Diskussion: die Menschen fangen an, Argumenten, nicht der Willkür oder gar Gewalttätigkeit zu folgen... Aber echte Diskussion ist nur dort möglich, wo die Menschen einander vertrauen und redlich die Wahrheit suchen. Demokratie ist ein Gespräch zwischen Gleichen, die Erwägung freier Bürger vor der ganzen Öffentlichkeit.“
―Thomas Garrigue Masaryk