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Erinnern an die Wendejahre ‘89/’90 in Beelitz – ein eindrucksvoller Abend im Tiedemannsaal

Originale Namensschilder des Runden Tisches
Protagonisten der Wende

Am 30. Oktober vor 25 Jahren fand in Beelitz die große öffentliche Einwohnerversammlung im Saal des „Schwarzen Adlers“ statt. Der Saal fasste kaum all die interessierten Beelitzer, die die Gelegenheit nutzten, ihren Ärger über die örtlichen Verhältnisse los zu werden. Berechtigterweise kann man diese Veranstaltung als Beginn der gesellschaftlichen Umgestaltung in Beelitz bezeichnen.

Die Medien sind derzeit voll mit den umwälzenden Ereignissen in der ehemaligen DDR, vor allem natürlich in den Großstädten wie Berlin und Leipzig. Aber auch in den kleinen Orten hatten sich auf Grund der widersprüchlichen Zustände – offizielle Jubelarien anlässlich des 40. Jahrestags der DDR auf der einen Seite, Versorgungsengpässe, Wohnungsnot bei gleichzeitig verfallenden Innenstädten und immer mehr Reglementierungen für die Menschen auf der anderen Seite – Zorn und Frustration bis ins Unerträgliche aufgestaut.

25 Jahre sind seit der Wende vergangen, 25 Jahre in denen viel geschehen ist. Obwohl sich sicher nicht alle Vorstellungen verwirklicht haben, wird niemand abstreiten können, dass Beelitz sich gut herausgeputzt hat.

25 Jahre Entwicklung in Beelitz unter den Bedingungen des freiheitlich demokratischen Rechtsstaats waren Anlass für Dr. Elke Seidel, Thomas Wardin und Hartwig Frankenhäuser, die in der Wendezeit aktiv wurden, eine öffentliche Veranstaltung zur Erinnerung an die herausragenden Ereignisse in der Wendezeit in Beelitz zu organisieren.

In einer ersten Runde berichteten die Teilnehmer sehr emotional über den Anlass für ihre politische Aktivität bei der gesellschaftlichen Umgestaltung. Jahrelang hatten sie sich mehr oder weniger mit den bestehenden Verhältnissen arrangiert. Die sich zuspitzenden Widersprüche in der DDR-Gesellschaft führten aber dazu, sich zunehmend vor allem am Arbeitsplatz für Offenheit und eine notwendige Umgestaltung einzusetzen.

In einer zweiten Runde berichteten die Teilnehmer – auch anhand von zahlreichen Dokumenten aus den persönlichen Sammlungen - über die herausragenden Wendeereignisse in Beelitz:

- die Einwohnerversammlung am 30. Oktober 1989, in der sich der Zorn der Bürger entladen hatte. Es zeigte sich, dass die damals Verantwortlichen keine befriedigenden Antworten auf die drängenden Probleme hatten. In guter Erinnerung ist die Unterschriftensammlung für die Freilassung Vaclav Havels am Eingang des Saales durch Herrn Frankenhäuser;

- die von Herrn Seehaus gegründete Bürgerinitiative, der es in kurzer Zeit gelang, dass der SED-Ortsparteisekretär sein Büro im Beelitzer Rathaus räumen musste;

- die Gründung einer Gruppe des Neuen Forums und deren Wirksamwerden in der Stadt;

- die Gründung und die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Ökologie und Stadtgestaltung, die maßgebliche Defizite der bisherigen Stadtpolitik aufgriff und Änderungen veranlasste;

- das Wirken der Bürgerinitiative Trinkwasserschutz, deren Ziel es war, den wenig verantwortungsvollen Umgang mit Chemikalien in der Trinkwasserschutzzone II durch das ACZ Beelitz zu beenden. Auch kämpfte die Bürgerinitiative gegen den Plan, in Beelitz ein zentrales Giftlager für Pflanzenschutzmittel zu errichten. Beide Ziele wurden erreicht, das ACZ (Agrochemisches Zentrum) gibt es nicht mehr, das zentrale Giftlager am Kähnsdorfer Weg wurde nicht gebaut;

- die Arbeit des Runden Tisches, der bis zur ersten demokratischen Kommunalwahl am 6. Mai 1990 das Machtvakuum in Beelitz durch seine sehr intensive und konstruktive Arbeit ausfüllte;

- das Bemühen einer Arbeitsgruppe des Runden Tisches, die geheimdienstlichen Vorgänge des Staates in den Einrichtungen in Beelitz-Schönefeld und Elsholz aufzuklären;

- die Vorbereitung der Partnerschaften zu den Städten Alfter bei Bonn und Ratingen;

- die nahezu lückenlose Menschenkette am 1. Advent 1989 quer durch Beelitz als Bestandteil einer DDR-weiten Aktion für die demokratische Umgestaltung;

- Der Soldatenaufstand in Beelitz am 1./2. Januar 1990. Dieses herausragende Wendeereignis strahlte bis weit über Beelitz hinaus und wird sicher noch intensiv von Militärhistorikern untersucht werden. Für Beelitz bemerkenswert war die beeindruckende Solidarität der Beelitzer mit den gegen sinnfreien militärischen Drill protestierenden Soldaten. Die Solidarisierung führte mit dazu, dass gewaltfrei die nicht unbilligen Forderungen der Soldaten von der DDR-Regierung erfüllt wurden;

- den Abschluss fanden die Wendeereignisse in Beelitz mit den ersten demokratischen Kommunalwahlen am 6. Mai 1990. Die Mitglieder des Runden Tisches fanden sich fast alle in der ersten Stadtverordnetenversammlung wieder – eine Anerkennung für die geleistete Arbeit am Runden Tisch.

Die Teilnehmer der Veranstaltung schilderten anschaulich aus ihrem persönlichen Erleben die Ereignisse der Wendezeit in Beelitz.  Sie werden dafür eintreten, dass diese Zeit nie vergessen wird. So vergingen überaus interessante gute zwei Stunden erlebter Geschichte. Das Buch „Beelitzer Wendejahre 1898/90“ von 2009, in dem alle Ereignisse aufgeführt sind, ist noch in wenigen Exemplaren bei Hartwig Frankenhäuser erhältlich.

Dr. Rudolf Seidel